Wie aus dem Resort-Typ eine unerschrockene Solo-Travellerin wurde

Ich lese gern. Ich lese gern Biographien, Geschichtsbücher, Romane, Feuilletons, humorvolle Artikel, die Liste ist lang: ich lese gern! Es gibt diesen einen Moment, wenn man etwas Gutes liest, da verschwindet man in die erzählte Welt und um einen rum verblasst und verstummt alles. Vollständige Immersion. Wenn du das schonmal erlebt hast dann weißt du, dass du es nochmal erleben willst. Hast du nicht die geringste Ahnung, wovon ich gerade gefaselt habe, willst du es irgendwie herausfinden. In beiden Fällen: Anne's Geschichte ist das, was du willst!

"November 2016.
Ich war 23, der Resort-Urlaub-Typ, und ein Angsthase. Die krasseste Erfahrung vielleicht der Durchfall nach dem exotischen Hummus vom Buffet im "Cairo Palace" in Hurghada. Daran musste sich etwas ändern, so viel war klar. Inspiriert von starken Frauen, die sich ganz alleine in den Urlaub trauen, fasste ich den Entschluss, mich selbst ins eiskalte Wasser zu schubsen. Allein sein, und zwar ganz weit weg.Ich wollte es mir besonders schwer machen. Selbst zurechtkommen, und zwar in der Landessprache. Keine englischsprechenden Einheimischen. Und kein WiFi im Hotel. Oder nein: diesmal einfach kein Hotel.

Havanna, Kuba. Im Flugzeug hatte ich kaum geschlafen, stattdessen versucht, mein Spanisch ein wenig aufzupolieren. Den 35-Liter-Backpack hatte ich mir von einem Freund geliehen, der das mit dem "Solo-Traveling" wohl schon öfter gemacht hat. Ich hielt es für eine gute Idee, bei Amazon Zahlenschlösser zu bestellen, um sicher zu gehen, dass niemand die Kohle stiehlt, die ich mitgenommen hatte. Oder meinen Pass. Vorischt ist die Mutter der Porzellankiste. Oder so.Eine Unterkunft zu bekommen hatte problemlos funktioniert. Ich konnte es kaum erwarten, das bunte Havanna, von dem mein "lonely planet" - Reiseführer (don't judge - ich war schließlich Anfänger) erzählte: Dicke Männer mit dichten Schnurbärten, wie sie auf noch dickeren Kontrabässen Salsa erklingen lassen; tanzende Menschen auf den großen Plazas, umgeben von Häusern in allen Farben. Dazu der Geruch von Zigarren und Gas der amerikanischen Cabrios, wie aus einem alten 007. Mojitos. Nur Liebe.

Mein erster Morgen in Havanna war allerdings genau das Gegenteil von dem, wie ich es mir vorgestellt hatte: komplett still. Nur ein paar Menschen auf der Straße. Keine Musik. Auf einem der fast zerbröckelten Balkone hört jemand Radio, schlechter Empfang, es knistert. Ein Mann spricht. Aber keine Musik. Ist es noch zu früh für die Kubaner? Waren alle zu lang feiern gestern? Ich beschließe, den botanischen Garten zu besuchen (danke für den Tipp, lonely planet). Am Eingang sehe ich Männer in Uniform. Sie hindern mich daran, einzutreten und erzählen: "Murió Fidel esta noche" - "Fidel ist in dieser Nacht gestorben" - und nun sollte das Land für 9 Tage trauern. Keine Musik, keine Feiern, kein Alkohol (also auch keine Mojitos). Kein Tanz. Kuba trauert nun. Der botanische Garten war natürlich auch geschlossen. Mein innerer Angsthase war auf einmal maßlos überfordert. Museen, Gärten, Märkte - geschlossen. In der Habana Vieja, der Altstadt, spazieren, inmitten einiger Touristen im Seniorenalter, und die Architektur bewundern - damit konnte ich mir mit Sicherheit ein, zwei Tage lang die Zeit vertreiben. Aber wo sollte ich Leute kennenlernen? Andere Reisende, Einheimische, Gruppen von Leuten - Fehlanzeige, niemand in den Straßen. Es waren ruhige Tage. Ich hatte die Sonne genossen, die Häuser bewundert, aber ich fühlte mich immer mehr allein und hatte nun realisiert, wie gut es täte, jemanden zu haben, mit dem man aus solchen Momenten zusammen das Beste machen kann.


Ich saß allein auf einer kleinen Mauer, die den berühmten Malecón vom Meer trennte, und schaute in die Ferne. Plötzlich hörte ich laute Rufe. Menschen liefen scharenweise aus ihren Häusern und versammelten sich an der 6-spurigen Straße, es war laut, irgendwas würde passieren.

Ein Kubaner, etwa in meinem Alter, groß, ein schönes Gesicht, lief aus dem Nichts auf mich zu und sagte etwas wie "Schau dir dieses Stück Geschichte an - beeil dich!".

Er nahm mich am Arm und zog mich in die Menschenmenge. Immer mehr Kubaner versammelten sich, einige hatten Blumen in der Hand, andere Schilder. Was war hier los? Auf einmal fuhren große Panzer die Straße entlang. Sie waren geschmückt mit Blumen und Fahnen und bildeten einen langen, langsamen Convoy, an dessen Ende: Fidel Castros Sarg. Einer kleinen, sehr alten Frau, die neben mir stand, kullerten die Tränen die Wange hinunter. Sie klemmte sich an mich, umarmte mich, und flüsterte "Que viva Fidel - parte de mi vida" - Es lebe Fidel - Teil meines Lebens. Auf einmal stand ich inmitten dieser kubanischen Familie, die tief ergriffen war. Der Typ, der mich hergeholt hatte, schaute mich an und lächelte. "Soy Emiliano." "Komm mit uns".

Eines der bunten Häuser, gleich neben dem Hafen; dort wohnten die 5, Emiliano, seine Mama, seine beiden Schwestern und seine Oma, deren Tränen noch immer nicht getrocknet waren. Das Haus roch etwas modrig, es sah bereits von außen sehr zerfallen aus, und ich, mit meiner behütet-europäischen Zwangsvorstellung, nicht zu Fremden nach Hause zu gehen, gab mir gedanklich eine Ohrfeige. Das sind Menschen wie ich. Sie waren gespannt auf mich, ich war gespannt auf sie. Sie wollten Geschichten hören, die es nicht gab in ihrer abgeschotteten Welt. Ich war ihr Gast. Sie luden mich in ihren kleinen Hinterhof ein. Ein Baum hatte vor langer Zeit die bunten Kacheln auf der Terrasse durchstoßen. Seine Krone spendete Schatten. Emiliano's Oma schnitt frische Mangos auf, Ananas, und Guaven. Ganz, ganz leise, wurde eine CD mit kubanischer Salsa eingelegt. Man durfte in diesen Tagen nicht glücklich sein. Aber man wollte es. Sie wollten aus meinem Leben hören. Sind meine Haare echt, so blond? Kann man in Deutschland auch einfach in Supermärkten einkaufen, wie in den USA? Gibt es dort M&Ms? Wie reich muss man sein, um ein Auto zu haben? Bin ich schon verheiratet? Emiliano sei es noch nicht.


Dann erzählten sie. Davon, wie der kleinste der Geschwister starb. Der Balkon des Hauses war vor einem halben Jahr heruntergefallen, die Konstruktion hielt nicht mehr, das Haus war alt und so baufällig, dass es unsicher war, dort zu leben. Der harte Beton erschlug den damals 5-jährigen, der Gabriel hieß, wie der Engel. Es sei schwer, ein normales Leben zu führen seit dem. Das zweite Stockwerk sei nicht mehr bewohnbar, die ganze Familie schlafe im Wohnzimmer. Deshalb also die vielen Isomatten. Das Haus war nicht sicher, aber seit der Vater der Familie nicht mehr hier lebe, sei Emiliano der einzige Verdiener - es gab schlicht und einfach kein Geld, nur das Essen konnte man sich leisten. Ich fragte, nicht ohne zu zögern: Wo war der Vater? Nun, die ältere der Schwestern, die 13-jährige Luz, brachte zu oft ihre beste Freundin nach Hause. Das hatte ihre Mama ihr schon immer gesagt, dass sie ihre Freundin nicht ständig mitbringen soll. Der Vater hatte nämlich ein Auge auf sie, das hatte sie gefühlt, "instinto de mujer", sagte sie. Schlussendlich hatte er sie geschwängert und lebe nun irgendwo mit ihr zusammen, sie müsste jetzt 14 sein, das arme Ding, sie würde doch kaum in der Lage sein, das Baby aus ihrem kindlichen Körper zu pressen. Die beiden würden irgendwo auf der anderen Seite von Havana leben. Besser so, sagte Emiliano, er würde ihn sonst totschlagen.

Ich saß noch Stunden im Kreis dieser Menschen, hörte zu. Später teilten wir Rum. Ich ging erst spät in der Nacht nach Hause, alleine, denn ich wollte verarbeiten, wie viel in meinem Leben doch geschenkt war. Die nächsten Tage wartete Emiliano vor meiner Unterkunft. Er zeigte mir die Stadt, mit viel Stolz, er liebte Havanna. Wir sprachen über die Politik im Land. Wie sie alles kaputt mache. Man müsste aufpassen, weil es an jeder Ecke Spitzel gab. Äußerte man Schlechtes über die Politiker, über den Kommunismus, über die Regierung - man würde verschwinden. Er habe Freunde, die verschwunden und nicht mehr aufgetaucht sind. Diese große Parade für Fidels Sarg, die Anteilnahme der Menschen, das Trauern - alles eine Lüge. Man möchte nicht auffallen. Aber man lebt in einer großen Lüge und manchmal auch mit der Angst, zu sterben.

Bevor ich nach Hause flog, besuchte ich die Familie noch einmal. Ich schenkte ihnen meine Cliff Bars (bitte nochmals: don't judge), die ich im Flugzeug vor lauter Aufregung nicht aufessen konnte. Luz bekam meine kleinen Edelstahl-Ohrringe, die sie so hübsch fand, als ich sie trug. Ihre kleine Schwester bekam mein Notizbuch und einen knallroten Kuli (ja, ich gestehe: Ich wollte ein Reisetagebuch schreiben) und da ich sonst nichts Schönes bei mir hatte, blieben nur lange Umarmungen für den Rest der Familie. Emiliano wollte mich unbedingt zum Flughafen begleiten. Er bestand vehement darauf, das Taxi zu bezahlen. Für die Kubaner kostet es weniger, sagte er. Bevor ich mich auf den Weg zur Security machte, saßen wir vor dem Flughafen in der Sonne, und er bedankte sich für die wunderbare Zeit. Wenn er es jemals schaffen sollte, nach Deutschland zu kommen, sollte ich doch bitte seine Freundin werden. Er sei ein guter Mann, nicht wie sein Vater.

Kleines Update: Heute bin ich nicht mehr so ein Angsthase. Keine Resorts, keine Hotels, keine All-you-can-eat Buffets. Ich habe nun meinen eigenen Backpacker-Rucksack, packe ihn schlauer, und nehme keinen Reiseführer mit. Und erst recht keine Zahlenschlösser.
Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn ich nach der Corona-Krise mit meinem Freund zusammen auf einen Backpacker-Trip gehen könnte. Kleiner Spoiler: Emiliano ist es nicht. Er heißt Juan. Ich gebe zu, ich habe ein Beuteschema."


Willkommen zurück in der Realität! Hast du Anne's Story auch so gern gelesen? Erinnert sie dich vielleicht an eine deiner bewegenden Urlaubs-Erfahrungen? Willst du auch in uns allen dieses Gefühl auslösen, uns die Kinnlade runterklappen? Am Besten mit deiner Erzählung noch die FLYLA Reise nach Südostasien gewinnen? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt...