Thomas entführte mich mit seiner außergewöhnlichen Geschichte in eine völlig neue, abgedrehte Version von meinem absoluten Lieblingsklassiker: DIRTY DANCING here we go! Wir befinden uns zwar nicht bei Kellermann's Sommercamp, aber die Farm in Schweden klingt wie eine ähnlich idyllische, wilde Szenerie... Dazu noch die unschlagbare Parallele zu Schwanensee! Es geht um einen Wettbewerb der Künste, und Thomas und Christian haben sich waghalsig in etwas probiert, von dem sie bislang keine Ahnung hatten: "Was ist Wasserballett? -Keine Ahnung!". Geht das gut?

„Sommer 2017, auf einer Farm mitten in Schweden, zwischen Stockholm und Göteborg.

In einem Jugendcamp mit ca. 40 Teilnehmern sind wir damals in diese Region gereist. Eines Tages stand ein Talentwettbewerb vor der Tür. Ziel davon war es das „Königspaar“ (2 Teamleiter) möglichst gut zu unterhalten. Man wurde vom Königspaar mit Punkten bewertet. Wer die höchste Punktzahl bekommt, würde als Unterhalter in den Königshof aufgenommen werden.

Einige hatten schon Ideen, was sie zeigen konnten und bereiteten sich dementsprechend vor. Christian und Ich gehörten nicht zu dieser Gruppe Menschen :0. Als der Tag der Vorführung näher kam, saßen Christian und ich auf der Wiese von unserer Farm. Wir waren verzweifelt und wussten nicht, was wir zeigen sollten. Plötzlich tauchte eine Teamleiterin auf und meinte in einem leicht lachenden Ton: „Wie wär`s, wenn ihr Wasserballett vorführt?“ Ich gucke Christian in die Augen, worauf er auch zu mir schaut. In diesem kurzen Moment sehe ich diese Verspieltheit und Verrücktheit in seinen Augen, welche mehr sagt als 1000 Worte. Von diesem Moment wusste ich, dass wir es machen werden. Dennoch verfielen wir in einen kleinen Lachanfall, aber sagten der Teamleiterin: „Okay, wir machen es!“

Dieser witzige Moment dauerte eine Minute an, bis ich Christian fragte: „Was ist Wasserballett?“, worauf er entgegnete „Keine Ahnung.“ Unsere Unwissenheit hielt uns jedoch nicht davon ab, diese Idee anzugehen. Wir hatten ungefähr 24 Stunden Zeit, um uns vorzubereiten. Vor der Reise wurde uns versprochen, dass unsere Anlage einen eigenen Schwimmsee hätte. Als wir ankamen, ähnelte dieser eher einem halbzugewachsenen Teich mit so weichem Boden, dass wir bis auf Kniehöhe versinken können. Es war jedoch unsere einzige Chance, wir hatten keine andere Wahl. Unsere leichtfüßigen Ballerina Bewegungen würden unter diesen Umständen auf eine große Probe gestellt werden. So starteten also unsere Vorbereitungen. Niemand hatte die leiseste Ahnung von Ballett und jeglicher Internetempfang war vergeblich. Also diskutierten wir im Trockenen über mögliche Formen, welche wir zeigen konnten. Verschiedene Pirouetten und Bewegungsabläufe kamen uns in den Sinn, was wir schon mal als gut interpretieren. Dann kam unsere erste Praxisübung. Wir sprangen in das trübe kalte Wasser, kämpften uns durch den Schlamm zur Mitte des Teiches und verbunden unsere Ideen in eine kleine Choreographie. Als wir fertig waren, merkten wir, dass uns etwas fehlt. Wir brauchen eine musikalische Begleitung. Und welche bessere Musik gibt es, die unsere geschmeidige Omnipräsenz unter diesen Umständen besser beschreibt als Schwanensee von Tschaikowsky. Wie sich später herausstellen würde, gäbe unsere Vorstellung auch reichlich Inspiration für eine Neuauflage von „Der sterbende Schwan“ mit dem Titel „Die sterbenden Schwäne“. Aber das nur am Rande… Zum Schluss kam uns noch die grandiose Idee, dass wir irgendwie vor dem Auftritt unsere Kleidung verlieren mussten, um in den Teich zu gehen. Denn wir konnten nicht während des ganzen Auftritts der anderen in Badesachen zuschauen. Also entwickelten wir eine spezielle Anlauftechnik, in der wir während des Laufens und ohne zu stoppen uns entkleiden konnten bevor wir in den Teich gingen. Die Ästhetik dieser Idee war definitiv anzweifelbar und warum wir uns nicht einfach im stehen entkleiden konnte, kam uns in dem Moment nicht in den Sinn. Man kann es sich vielleicht dadurch erklären, dass wir den Fluss der Bewegungen laufen lassen wollten und keine Pausen haben wollten.

Der Talentabend war gestartet. Die meisten Vorstellungen fanden Drinnen statt und Musikstücke, Rollenspiele und ähnliches waren verbreitet. Mal 7 Punkte, Mal 8 von 10 Punkten wurden vergeben. Einige Gerüchte gingen durch den Saal: „Weißt du, was Thomas und Christian machen?“ … „Ich glaube sie gehen in den Tümpel.“. Doch niemand hatte so richtig das Ausmaß unserer Vorstellung begreifen können. Die Zeit war gekommen. Wir waren dran. Die komplette Menge bewegte sich mit Neugier und Aufregung nach draußen und positionierte sich auf einen kleinen Graßvorsprung vor dem Teich. Geflüster war überall zu hören und die Unsicherheit, was jetzt geschehen mag, war groß. Letztendlich sprangen wir aus der Menge empor, entkleideten uns allmählich. Das Hemd flog, die Shorts flogen in einer chaotischen Harmonie durch die Luft. Christian sprang als erstes in das Wasser. „Platsch“ machte es. Nicht der geschmeidigste Eintritt, dachte ich mir. Ich hinter her. Okay Phase 1 überstanden. Jetzt kämpften wir uns durch den schweren Schlamm in aller Indianer Jones Manier zur Mitte des Teiches. Währenddessen herrschte eine leicht unangenehme Pause, in der Irritierung und Verwunderung in der Menge herrschte, welche in einer starken Brise auf meinen Nacken wehte. So Phase 2 geschafft. Der Kapellmeister a.k.a Lautsprecher stimmte lautstark den Schwanensee ein. Die Szenerie nahm endlich ihren Lauf. In dem dämmernden Tageslicht glänzten unsere weißen Gestalten in dem dunklen trüben Wasser auf und so begannen wir unsere einstudierten Bewegungen einzuleiten.

Eine Drehung nach links, ein Sprung nach oben eine Pirouette, eine gegenseitige Berührung mit gewölbten Armen signalisierte unsere Einigkeit, gefolgt von einem dramatischen Hechtsprung zur Seite. Damit ging unsere Vorstellung zu Ende. Am Ende blickte ich aufmerksam in die Menge, auf der Suche nach einer einheitlichen Reaktion auf das Geschehene. Doch diese war nirgends zu finden. Es schien fast so, dass das menschliche Gehirn beim Zuschauen an seine rationalen Grenzen stieß und das Gesehene in keine klare Emotion verarbeiten konnte. Somit reichten die Gesichtsausdrücke von Erstaunen, Begeisterung, Lachen, Lächeln, bis Verwirrung. Nach dieser kurzen Sammlungsphase der menschlichen Aufnahmefähigkeit enthallte ein strömender langanhaltender Applaus, welche dann abrupt endete, als das Königspaar ihr Urteil verkünden wollte. Die Königin gab uns 10 Punkte, der König 9 Punkte. Hurrra! Bisherige Bestleistung! Doch die anschließende Anmerkung: „Wir können uns eure Vorstellung schlecht auf unserem Hof vorstellen, da unsere einzigen Wassequellen Regenpfützen waren. Also müsstet ihr vielleicht eure Darstellung ein wenig anpassen“ erteilte dem ganzen einen kleinen bitteren Geschmack.

Dennoch verließen wir die Szenerie mit einem gewissen stolzen Gefühl und waren begeistert, was wir auf die Beine gestellt haben.

Gedanken wie.. haben wir gerade eine revolutionäre Art des Wasserballetts ins Leben gerufen, und wie erkläre ich meinen Eltern, dass ich mein Abitur abbreche und professioneller Wasserballetttänzer werde strömten einem im Nachhinein durch den Kopf. Doch am Ende des Tages bleiben diese Erinnerungen für die Ewigkeit und haben einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen…“

Das nenn ich mal ein ereignisreiches Sommercamp! Ist Thomas jetzt professioneller Wasserballetttänzer?Habt ihr ihn vielleicht sogar schonmal auf de Bühne gesehen? Das bleibt Geheimis des Autors, fest steht aber: die beiden haben die Herausforderung gerockt und das Königspaar überzeugt! Haben sie auch dich überzeugt? Oder kennst du eine bessere Story? Ab in meine Inbox damit, morgen könnte sie hier erscheinen und übermorgen könntest du im Flieger nach Südostasien sitzen!